Neue Sachlichkeit

Neue Sachlichkeit

Kunst als Spiegel der Zeit

Kunst ist immer auch ein Ausdruck der Gesellschaft in der sie entsteht, mit allen ihren Facetten, die von politischen, sozialen, wirtschaftlichen Gegebenheiten, über neue Ideen bis hin zu Veränderungen durch technische Erfindungen in der Arbeitswelt, Krisen und Kriege reichen. Die Neue Sachlichkeit genannte Kunstrichtung entstand in Deutschland, als nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs und seinen Folgen KünstlerInnen eine neue Form des Ausdrucks für die geänderten Lebensumstände suchten.

Der Titel der Ausstellung im Leopold Museum “Glanz und Elend” verweist bereits auf die in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre vorherrschenden Grundstimmungen: einerseits die Hoffnung und Aufbruchstimmung der “Goldenen Zwanziger Jahre”, andererseits die Folgen des Ersten Weltkriegs, Hunger, Elend, Invalidität, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit.

KÄTHE KOLLWITZ, Die Überlebenden. Plakat Gegen den Krieg im Auftrag des Internationalen Gewerkschaftsbundes, ohne Schrift, 1923 © Privatbesitz Wien, Foto: Leopold Museum, Wien

Die Ausstellung ist in 13 Themenbereiche gegliedert und vermittelt anhand von Gemälden, Grafiken und Skulpturen, wie sich KünstlerInnen nach dem Ersten Weltkrieg in der 15 Jahren Demokratie zwischen dem Ende der Monarchie 1918 bis bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit ihrer Zeit künstlerisch auseinandergesetzt haben.

Die BiIder zeigen nicht mehr Eindrücke wie der Impressionismus oder in expressionistischer Weise den Ausdruck von individuellen Gefühlen, sondern verweisen mit sachlich-realistischem Blick auf verschiedene Lebenssituationen in der Weimarer Republik.

Zu den KünstlerInnen der Neuen Sachlichkeit, die in der Ausstellung zu sehen sind, zählen u.a. Otto Dix, Georges Grosz, Max Beckmann, Karl Hubbuch, Hanns Ludwig Katz, Franz Radziwil, Karl Hofer, Felix Nussbaum, Ernst Barlach. Unter den 48 KünstlerInnen der Ausstellung sind nur 8 Frauen zu finden; daher seien sie hier alle namentlich erwähnt: Kate Diehn-Bitt, Dodo (Dörte Clara Wolff), Lea Grundig-Langer, Grethe Jürgens, Käthe Kollwitz, Lotte Laserstein, Jeanne Mammen, Gerta Overbeck.

Die von den KünstlerInnen gewählten Themen sind sehr unterschiedlich und thematisieren mit kritischem Blick die Kriegsfolgen genauso wie jene Zeit ab Mitte der 1920er-Jahre bis zum Börsenkrach 1929, die als die “Goldenen zwanziger Jahre” bezeichnet wird, und deren Schattenseiten. Sie lenken den Blick auf jene Menschen, die durch soziales Elend zu AußenseiterInnen der Gesellschaft geworden sind. Aufgegriffen werden weiters Themen wie Industrialisierung, Fabriken und Mechanisierung und die Darstellung von Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen.

ANTON RÄDERSCHEIDT, Selbstporträt in Industrielandschaft, 1923 © Privatsammlung, Foto: Benjamin Hasenclever, München © Bildrecht, Wien 2024

Ein anderer Aspekt dieser Zeit, der die Bildwelt der Neuen Sachlichkeit geprägt hat, war das sich verändernde Frauenbild. Durch eine geänderte Gesetzeslage, durch die Frauen politische Rechte wie das hart erkämpfte Wahlrecht zugestanden wurde, bessere Bildungschancen, ihre durch den Mangel an männlichen Arbeitskräften als Folge des Weltkriegs verstärkte Teilnahme am Berufsleben und neue Freiheiten im sozialen Leben waren die 1920er Jahre eine Zeit des Aufbruchs. Dies war auch in der Kunst der Fall, was in dieser Ausstellung zu wenig Beachtung findet. Gerade der von Künstlerinnen vermittelte Blick auf die Lebenswirklichkeit der Frauen dieser Zeit wäre von besonderem Interesse gewesen.

LOTTE LASERSTEIN, Die Tennisspielerin, 1929 © Privatbesitz, Foto: Lotte-Laserstein-Archiv Krausse, Berlin © Bildrecht, Wien 2024

Zum Inhalt von künstlerischen Werken wurden auch unkonventionelle Orte wie Zirkus, Varieté und Jahrmarkt. Gleichzeitig gab es eine Strömung, die den Rückzug ins Private mit Familiendarstellungen idealisierte. Stillleben und Porträts fanden ebenfalls Eingang in die Kunst der Neuen Sachlichkeit.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933, der Gleichschaltung der Kulturpolitik und der einsetzenden Verfolgung von Andersdenkenden, die entweder zum Rückzug, zur Flucht oder zur Anpassung gezwungen wurden, ging diese Ära zu Ende. Von den in der Ausstellung vertretenen KünstlerInnen wurde ein Großteil als “entartet” eingestuft, ihre Werke aus Museen und Sammlungen entfernt. In der 1937 in München eröffneten Ausstellung “Entartete Kunst” wurden auch Werke von KünstlerInnen der Neuen Sachlichkeit gezeigt.

Zum Abschluss der Ausstellung ist stellvertretend für alle anderen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, dem Werk des jüdischen Malers Felix Nussbaum ein Raum gewidmet. Er konnte 1934 von einem Auslandsaufenthalt nicht mehr zurückkehren und blieb in Belgien. Ab den 1940er-Jahren zeigte er in seinen Bildern die unmenschlichen Schrecken des Holocaust. 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Felka in einem Brüsseler Versteckt entdeckt, verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie ermordet wurden.

GRETHE JÜRGENS, Frisierpuppen, 1927 © Privatsammlung, Foto: Benjamin Hasenclever, München © Heide Jürgens-Hitz

Die Ausstellung ist im Leopold Museum bis 29. September 2024 zu sehen!

Online-Ausstellung: Für alle, die die Ausstellung nicht besuchen können, die sich für ihren Museumsbesuch vorbereiten wollen oder noch einmal wesentliche Werke nachsehen möchten, hat das Museum eine informative und schön gestaltete Online-Ausstellung auf seine Homepage gestellt: https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/digitale-ausstellungen/glanzundelend/de

Adresse: Museumsquartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien https://www.leopoldmuseum.org/de/besuch/oeffnungszeiten

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag: 10:00-18:00 Uhr, Dienstag geschlossen

Katalog: Glanz und Elend. Neue Sachlichkeit in Deutschland. Hg. Hans-Peter Wipplinger. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2024

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